Smart Contracts, KI und die Sprache des Rechts: Warum Bedeutung – nicht Code – das eigentliche Risiko schafft
Smart Contracts versprachen Automatisierung, Transparenz und grenzüberschreitende Durchsetzbarkeit. Doch sobald Recht auf Code trifft und Sprache Bedeutung formt, kann bereits ein einziger falsch interpretierter Begriff Millionen kosten.
⚖️ Wenn Code ausgeführt wird – aber die Rechtsprechung nicht
Fall 1: 15 Tage oder 15 Werktage?
Ein deutscher Hersteller schloss einen zweisprachigen Smart Contract (Englisch–Türkisch) mit einem Logistikdienstleister ab.
Im juristischen Vertrag hieß es:
„Penalty applies after 15 business days of delay.“
Im Smart Contract-Code wurde jedoch die Strafe bereits nach 15 Kalendertagen aktiviert – ohne Unterschied zwischen Wochenenden oder gesetzlichen Feiertagen. In Deutschland etwa zählen Wochenenden und Feiertage bei der Vertragserfüllung nicht als Arbeitstage.
Ergebnis: € 72.000 Strafe wurde fälschlicherweise automatisch ausgelöst, obwohl die Lieferung nach den vertraglichen Bedingungen rechtlich nicht verspätet war. Das Schiedsgericht stellte fest:
„Der Code spiegelte die rechtliche Absicht nicht wider. Automatisierung ≠ Verpflichtung.“
📉 Fall 2: Ein Wort, das eine NDA entleerte
Ein französisches Technologieunternehmen nutzte KI zur Übersetzung von Verschwiegenheitsvereinbarungen (NDAs) für ausländische Auftragnehmer:
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Englische Version: „Information must remain strictly confidential.“
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Französische KI-Übersetzung: „Information may remain strictly confidential.“
Ein einziges Wort änderte die Verpflichtung zur bloßen Option.
Gerichtliche Konsequenz: Die NDA war rechtlich nicht durchsetzbar; € 3,1 Mio. Schadenersatz wegen Verletzung geistigen Eigentums – ohne vertraglichen Schutz.
⚠️ Das verborgene Risiko bei Smart Contracts
🔹 Der Grund, warum Smart Contracts häufiger scheitern, liegt nicht an Bugs oder Cyberangriffen – sondern an Bedeutung, Interpretation und Sprache.
Aus einem ICC-Schiedsbericht 2024 geht hervor, dass 42 % aller Smart-Contract-Streitigkeiten auf mehrsprachige rechtliche Missverständnisse zurückzuführen sind.
🧠 Warum Smart Contracts in internationalen Kontexten versagen
Smart Contracts sind deterministisch: Code hat nur eine Ausführungslogik, die strikt nach den programmatischen Regeln abläuft – im Gegensatz zum Recht, das Interpretation, Nuancen und menschlichen Kontext berücksichtigt.
Code ≠ Recht:
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Code kennt keine flexible Interpretation.
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Rechtssprache ist offen für Bedeutungsvarianten.
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Juristische Normen werden durch natürliche Sprache geschaffen und interpretiert.
📊 Risikomanagement über Sprach- und Code-Grenzen hinweg
Empfohlene Strategien:
✔ Doppelte Entwurfsprüfung:
Juristischer Text und Code-Logik werden parallel entworfen und gegenseitig geprüft.
✔ Standardisierte zweisprachige Glossare:
Erstellung verbindlicher juristischer Termini für beide Sprachen.
✔ Menschliche juristische Überprüfung:
KI-Übersetzungen und Smart Contract-Entwürfe benötigen verpflichtende Review-Phasen durch Fachexperten (z. B. ISO 17100-Zertifizierung).
✔ Sprache- und Schiedsgerichts-Klauseln:
Klare Regelungen zur Sprache des Vertrags und zum Streitbeilegungsmechanismus minimieren Missverständnisse.
✔ Hybrid-Legal-AI-Workflows:
Mensch plus Maschine – KI-Assistenz kombiniert mit juristischer Fachexpertise.
⚖️ Die Zukunft gehört Legal Linguists
Nicht nur Anwälte, nicht nur Entwickler – sondern Legal Linguists (Fachübersetzer mit juristischem und technischem Know-how) werden in der Welt von Smart Contracts, KI und Blockchain unverzichtbar. Sie sorgen dafür, dass rechtliche Sicherheit über Sprachgrenzen hinweg bewahrt wird, bevor es zu spät ist.
🧩 Schlusspunkt
Smart Contracts beseitigen nicht das rechtliche Risiko — sie verlagern es von Gerichten in den Code und von der Syntax zur Bedeutung der Sprache. Und wo Bedeutung zählt, bleibt menschliche juristische Expertise unerlässlich.
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