Der Unterschied zwischen dem englischen und dem türkischen Rechtssystem und wie diese Unterschiede die juristische Übersetzung prägen
Globalisierung hat grenzüberschreitende Transaktionen, internationale Schiedsverfahren, ausländische Investitionen und multinational strukturierte Geschäftsmodelle intensiviert. Infolgedessen spielt die juristische Übersetzung zwischen Englisch und Türkisch eine zentrale Rolle, um Klarheit, Genauigkeit und rechtliche Sicherheit zwischen zwei grundlegend unterschiedlichen Rechtstraditionen zu gewährleisten: dem Common Law (englisches Recht) und dem Zivilrecht (türkisches Recht).
1. Englisches Recht (Common Law): Ein System auf Präzedenzfällen
Im englischen Rechtssystem sind Gerichtsentscheidungen, richterliche Interpretation und die historische Entwicklung des Rechts durch Fallrecht von zentraler Bedeutung.
Wesentliche Merkmale:
✔ Präzedenzfallprinzip (Stare Decisis):
Frühere Gerichtsentscheidungen binden spätere ähnliche Fälle, was zu häufigen Verweisen auf Fälle, richterliche Grundsätze, begründungsbasierte Definitionen (z. B. „reasonable person“, „duty of care“) und Konzepte der Equity führt.
✔ Richter-gesetztes Recht:
Gerichte formen aktiv das Recht; Rechtsbegriffe entwickeln sich über Urteile.
✔ Ausführliche Vertragsgestaltung:
Da weniger Regeln kodifiziert sind, sind englische Verträge in der Regel länger, detailreicher und stark auf explizite Risikoverteilung ausgerichtet.
2. Türkisches Recht (Zivilrecht): Kodifiziert und strukturiert
Die Türkei folgt der Zivilrechtstradition, stark beeinflusst durch schweizerische, deutsche und französische Rechtskodizes.
Kernmerkmale:
✔ Primat des Gesetzes:
Gesetzgebung ist die Hauptquelle des Rechts; Richter müssen in erster Linie auf Kodizes, im Anschluss auf Gewohnheitsrecht und zuletzt auf Equity zurückgreifen.
✔ Keine bindenden Präzedenzfälle:
Höhere Gerichtsmeinungen sind richtungsweisend, aber nicht formal bindend – ein starkes Unterscheidungsmerkmal zum Common Law.
✔ Kürzere Verträge:
Zivilrechtliche Entwürfe sind in der Regel kompakter, da viele allgemeine Bestimmungen bereits im Gesetz kodifiziert sind.
3. Auswirkungen dieser systemischen Unterschiede auf die juristische Übersetzung
Eine juristische Übersetzung zwischen Englisch und Türkisch ist weit mehr als eine sprachliche Übertragung — sie überbrückt zwei unterschiedliche Rechtstraditionen und rechtliche Kulturen.
a) Konzeptionelle Nicht-Entsprechungen
Viele Common Law-Konzepte sind im Zivilrecht nicht kodifiziert und haben keinen direkten türkischen Gegenpart, was eine wörtliche Übersetzung unmöglich macht. Beispiele sind:
• Consideration
• Equity
• Estoppel
• Fiduciary duty
• Trust law
• Duty of care (überlappt nur teilweise mit özen borcu)
Solche Begriffe erfordern je nach Kontext:
-
beschreibende Übersetzung,
-
funktionale Entsprechung,
-
oder erläuternde Fußnoten.
b) Unterschiedliche rechtliche Institutionen und Mechanismen
Common Law-Beispiele:
• Injunction vs. türkisches ihtiyati tedbir (nicht identisch)
• Liquidated damages vs. türkische ceza koşulu
• weitreichendere indemnity clauses
• Tort-Prinzipien aus Fällen entwickelt
Civil Law-Beispiele:
• Trennung von ihtiyati haciz und ihtiyati tedbir
• kodifizierte Haftungsregime
• engere Auslegung von Strafen
• geringere Bedeutung der Rechtshistorie
Diese Asymmetrien machen es notwendig, funktionale Unterschiede zu verstehen – nicht nur Terminologie.
c) Vertrags-Sprache: Detailliert vs. Kompakt
Englische (Common Law) Verträge sind oft:
-
lang,
-
detailliert,
-
mit vielen Klauseln zur Risikoverteilung.
Türkische (Civil Law) Verträge sind meist:
-
knapp,
-
auf gesetzliche Bestimmungen gestützt,
-
mit weniger szenariobezogenen Vorsorgeklauseln.
Bei der Übersetzung:
-
Eine wörtliche Übertragung funktioniert nicht immer.
-
Ein ins Türkische übersetzter englischer Vertrag kann repetitiv wirken – aber diese Wiederholungen müssen beibehalten werden.
-
Ein ins Englische übersetzter türkischer Vertrag muss oft strukturell erweitert werden, um Common Law-Erwartungen zu erfüllen.
4. Warum juristische Übersetzung ein spezialisiertes Feld ist
Juristische Übersetzung erfordert weit mehr als zweisprachige Fähigkeiten. Ein qualifizierter juristischer Übersetzer muss beherrschen:
-
vergleichende Rechtsforschung,
-
System-zu-System-Entsprechungen,
-
kontextbezogene Begriffsauswahl,
-
Bewusstsein für rechtliche Risiken,
-
Vertrags- und Prozess-Terminologie.
Da ein falsch übersetzter Begriff zu finanziellen Verlusten, nicht durchsetzbaren Vereinbarungen oder Rechtsstreitigkeiten führen kann, ist Fachwissen unverzichtbar.
Fazit
Die englischen und türkischen Rechtssysteme unterscheiden sich in Struktur, Philosophie und Anwendung. Deshalb erfordert die Übersetzung zwischen ihnen nicht nur Sprachkompetenz, sondern auch vergleichende Rechtskenntnis.
Ein versierter juristischer Übersetzer verbindet zwei verschiedene Welten – und sorgt so für Klarheit, Genauigkeit und rechtliche Sicherheit über Rechtsordnungen hinweg.
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